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05. Mai Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Einschätzung der Bildungswende JETZT! - NRW und LEiS-NRW e.V.
zum 05. Mai dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung:
 

Die Inklusion an Nordrhein-Westfalens Schulen ist gescheitert, nicht weil die Idee falsch wäre. Sie ist gescheitert, weil das Land sie zur Sparmaßnahme degradiert und die Verantwortung systematisch nach unten durchgereicht hat. Was als Menschenrechtsprojekt begann, endete als pädagogisches Alibi – und die Leidtragenden sind ausgerechnet jene Schulen, die sich der Inklusion tatsächlich stellen.

 
Integrierte Schulen wie Gesamt- und Sekundarschulen tragen in NRW die Hauptlast der Inklusion. Sie nehmen Kinder mit unterschiedlichsten Förderbedarfen auf, sie organisieren Differenzierung, sie kompensieren fehlende Unterstützung – und sie tun das meist ohne ausreichendes Personal, ohne Zeit und ohne verlässliche Strukturen. Währenddessen schauen andere Schulformen zu. Oder besser: Sie schauen weg.
 
Besonders die Gymnasien haben es in NRW perfektioniert, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Unter dem Deckmantel „leistungsorientierter Bildung“ und „akademischer Anforderungen“ wird Inklusion dort zur Ausnahme erklärt, zur pädagogischen Unmöglichkeit stilisiert oder gleich ganz vermieden. Wer es ernst meint mit Chancengleichheit, müsste fragen: Warum gilt Inklusion offenbar nur für Schulen, deren Ruf ohnehin nicht auf Exzellenz und Abiturquoten basiert?
 
Die Wahrheit ist unbequem: Inklusion in NRW funktioniert nach dem Prinzip der sozialen Selektion. Kinder mit Förderbedarf landen überproportional an integrierten Schulen, während Gymnasien sich ihre Schülerschaft weitgehend aussuchen dürfen. Das Ergebnis ist eine strukturelle Ungerechtigkeit, die politisch gewollt, aber rhetorisch verschleiert wird. Man spricht von „Elternwahlfreiheit“, meint aber die Freiheit der Gymnasien, sich nicht zu beteiligen.
 
Gleichzeitig lässt das Land NRW genau jene Schulen im Stich, die Inklusion praktisch umsetzen sollen. Sonderpädagogische Lehrkräfte sind Mangelware, multiprofessionelle Teams existieren oft nur auf dem Papier, und Fortbildungen werden zur individuellen Privatangelegenheit der Lehrkräfte erklärt. Inklusion wird erwartet, aber nicht ermöglicht. Das ist kein Reformprojekt – das ist institutionalisierte Überforderung.
 
Inklusion ist kein bildungspolitisches Experiment und keine freiwillige pädagogische Option, sondern ein verbindliches Menschenrecht. Wenn Inklusion unter Haushaltsvorbehalt gestellt, an Schulformen delegiert oder faktisch verweigert wird, dann ist das kein organisatorisches Problem, sondern ein Bruch mit grundlegenden menschenrechtlichen Verpflichtungen. Wer Inklusion relativiert oder selektiv umsetzt, stellt nicht nur pädagogische Konzepte infrage – sondern die Gleichwertigkeit von Kindern.
 
Besonders perfide ist dabei die politische Inszenierung: Wenn Inklusion nicht gelingt, sind angeblich die Schulen schuld. Zu wenig Engagement, zu wenig Kompetenz, zu wenig Innovation. Dass diese Schulen seit Jahren strukturell unterfinanziert sind und Aufgaben übernehmen, die eigentlich gesamtgesellschaftlich getragen werden müssten, wird konsequent ignoriert. Verantwortung wird delegiert, Scheitern individualisiert.
 
Die Gymnasien hingegen profitieren doppelt. Sie können sich als leistungsstarke Leuchttürme präsentieren und gleichzeitig auf die „Schwierigkeiten der Inklusion“ verweisen, um ihren Sonderstatus zu rechtfertigen. Dass genau diese Haltung das System erst in Schieflage bringt, bleibt unerwähnt. Inklusion wird so nicht nur verhindert, sondern aktiv delegitimiert.
 

Eine echte Inklusion würde bedeuten, alle Schulformen gleichermaßen zu verpflichten, Ressourcen konsequent umzuschichten und den Mut zu haben, auch das Gymnasium neu zu denken. Doch dazu fehlt der politische Wille. Denn Inklusion kostet Geld, Macht und Bequemlichkeit.

 
Solange integrierte Schulen alleine gelassen werden und Gymnasien sich erfolgreich entziehen, bleibt Inklusion in NRW das, was sie derzeit ist: ein wohlklingendes Versprechen – und ein struktureller Betrug an den Schwächsten des Systems.

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